Knochenjob auf der Rigi

Vor rund 30'000 Jahren suchten hier Höhlenbären Schutz, vor gut 100 Jahren Wilhelm Amrein nach ihren Spuren. Heute wird in der Steigelfadbalmhöhle oberhalb von Vitznau wieder geforscht – mit neuen Methoden und neuen Fragen im Gepäck.
Wilhelm Amrein (vorne) mit Otto Köberle bei Ausgrabungsarbeiten in der Steigelfadbalmhöhle
Bild: Archiv Gletschergarten

Laila Bosco

Laila Bosco ist freischaffende Autorin, Fotografin, und wühlt sich liebend gern durch die historischen Quellen zur Luzerner Tourismusgeschichte.

Wilhelm Amrein-Küpfer war der Sohn des Gletschergarten-Gründers Josef Wilhelm Amrein-Troller und leitete den Gletschergarten ab 1919 gemeinsam mit seiner Schwester Mathilde Blattner-Amrein. Neben seinem Einsatz, den Gletschergarten in eine Stiftung zu überführen, brannte Amreins Herz aber vor allem für die Urgeschichte.

Portrait von Dr. h. c. Wilhelm Amrein-Küpfer.
Bild: Archiv Gletschergarten

Inspiriert durch die Forschungen von Emil Bächler, der bei Grabungen im Alpstein Höhlenbärenknochen sowie verschiedene Werkzeuge von Neandertalern gefunden hat, war Amreins Ehrgeiz geweckt. Jetzt wollte er in der Zentralschweiz auch einen solchen Fund machen. [1] Sein Gedanke: Was andernorts in Höhlen schlummerte, müsste doch auch an der Rigi zu finden sein. Er lag nicht falsch.

In dieser steilen Felswand liegt die Steigelfadbalmhöhle (Flugaufnahme vom 13. Oktober 1932).
Bild: Archiv Gletschergarten

1913 startete er seine Grabungen in verschiedenen Höhlen im Rigi-Massiv. Und er hatte Glück: In einer markanten Nagelfluhwand auf 960 m ü. M. wurde er 1916 in der Steigelfadbalmhöhle oberhalb von Vitznau fündig. Zwischen Steinen und Sedimenten kam eine bedeutende Menge an Knochen und Zähnen zum Vorschein. Die Höhle hatte Höhlenbären einst als geschützter Ort zum Überwintern gedient. [2] Die erhoffte grosse Aufmerksamkeit für die Funde blieb zwar aus, doch in Fachkreisen fanden Amreins Entdeckungen durchaus Beachtung. [3]

Funde in der Steigelfadbalm-Höhle: Links eine Pfeilspitze, rechts durchbohrte Wirbel des Höhlenbären (gefunden 1922 & 1923).
Bild: Archiv Gletschergarten

Forschen mit Pickel, Notizbuch und viel Eigeninitiative

Amrein grub weiter: 1926 bis 1929 und nochmals 1937. Aus seiner Neugier wurde ein Forschungsprojekt, das ihn über Jahrzehnte begleitete und ihn zu einem der Pioniere archäologischer Forschung in der Zentralschweiz machte. Eigentlich faszinierend, wenn man bedenkt, dass er sich einen grossen Teil seines Wissens selbst aneignete.

Amrein (rechts) mit seinem langjährigen Grabungsmitarbeiter Otto Köberle (links).
Bild: Archiv Gletschergarten

Umso wichtiger war für ihn der Austausch mit Fachleuten. Zu ihnen gehörte Theophil Studer, der die Echtheit seiner Fundstücke bestätigte sowie der bereits erwähnte Emil Bächler, der ihn zu weiteren Forschungen ermutigte und mit dem sich mit der Zeit eine langjährige Freundschaft entwickelte. [4]

Die Höhle zog so einige bekannte Gesichter an: Albert Heim, Otto Köberle, Botanikprofessor Carl Schröter und Urgeschichtsforscher Emil Bächler (von links).
Bild: Archiv Gletschergarten

Von Fans und Skeptikerinnen

Amreins Forscherdrang reichte weit über die Steigelfadbalm hinaus. Als Präsident der Prähistorischen Kommission begleitete er auch die grossen Grabungen in der Pfahlbausiedlung Egolzwil 2 im Wauwilermoos. 1938 verlieh ihm die Universität Basel die Ehrendoktorwürde für sein Lebenswerk – unter anderem für seine urgeschichtliche Forschung. [5]

Amreins Leidenschaft galt der Urgeschichte – hier vor dem Eingang der Steigelfadbalm in den 1920er-Jahren.
Bild: Archiv Gletschergarten

Seine Leidenschaft fand auch Eingang in den Gletschergarten. Bereits ab 1906 schuf Amrein dort mehr Platz für die Urgeschichte und zeigte unter anderem Schädelabgüsse sogenannter Urmenschen und Höhlenmenschen sowie später auch Funde aus der Steigelfadbalm. Die naturwissenschaftliche Orientierung des Museums war einigen Familienmitgliedern ein Dorn im Auge, wollten sie die Besuchenden vor allem mit unterhaltenden Elementen in den Gletschergarten locken. [6] Mehr davon in unserem Blogbeitrag «Vom Sumpf zur Sehenswürdigkeit».

Blick ins Gletschergarten-Museum mit den prähistorischen Sammlungen, in der Amrein auch seine Funde von der Steigelfadbalm ausstellte.
Bild: Archiv Gletschergarten

Fun fact: Ein vollständiges Höhlenbärenskelett fand Amrein in der Steigelfadbalm übrigens nie. Das eindrückliche Skelett, das heute im Gletschergarten steht, besteht aus Knochen verschiedener Höhlenbären aus den Ostalpen. Beeindruckend ist es trotzdem allemal.

Der heute im Gletschergarten ausgestellte Höhlenbär, stammt nicht aus der Zentralschweiz.
Bild: Gletschergarten

Zurück in der Steigelfadbalm

Amreins Arbeit verstaubte nach seinen Grabungen nicht einfach in einer Schublade. 2017 gelangte sein Nachlass mit den erhaltenen Grabungsdokumentationen als Dauerleihgabe ins Archiv der Kantonsarchäologie Luzern. Dort werden die Unterlagen seither gemeinsam mit seinen Funden aufbewahrt. [7]

Skizze zu den Ausgrabungen an der Rigi aus Amreins Notizbuch vom 25. September 1923.
Bild: Archiv Gletschergarten

Mehr als hundert Jahre nach Amreins ersten Grabungen kehrte schliesslich auch die Forschung in die Steigelfadbalm zurück. Einige Fragen waren nämlich noch immer offen: Wo genau hatte Amrein gegraben? Gibt es Bereiche, die von seinen Grabungen unberührt geblieben sind? Und welche Geschichten könnten dort noch im Boden stecken?

2024 werden geophysikalische Messungen durchgeführt.
Bild: © Fabio Wegmüller Universität Zürich & Kantonsarchäologie Luzern

Diesen Fragen gingen Wissenschaftler:innen und Studierende der Universität Zürich in Feldkursen 2023 und 2024 nach. Mit geophysikalischen Messungen versuchten sie, Amreins frühere Grabungsschnitte zu lokalisieren und noch ungestörte Bereiche aufzuspüren. Keine leichte Aufgabe, sagt auch die Leiterin des Fachbereichs Ur- und Frühgeschichte der Kantonsarchäologie Luzern Anna Kienholz:

«Normalerweise finden solche Messungen im offenen Gelände und nicht in engen Höhlen statt.» – Anna Kienholz, 2026 (S. 20)

Nicht ganz einfach: Studierende der Uni Zürich bei den archäologischen Arbeiten.
Bild: © Fabio Wegmüller Universität Zürich & Kantonsarchäologie Luzern

Neue Fragen, neue Methoden

Im Sommer 2025 folgte eine einwöchige Sondierung der Universität Zürich mit Unterstützung durch die Kantonsarchäologie. Und tatsächlich: Im hinteren Teil der Höhle stiess das Team auf ungestörte Sedimente. An einem vollständig erhaltenen Profil konnten die einzelnen Schichten neu beschrieben und Proben entnommen werden. Besonders spannend: Die Schichtenfolge stimmt gut mit Amreins Beschreibungen von vor rund hundert Jahren überein.

Während der Sondierung 2025 kommen die noch erhaltenen Sedimentschichten zum Vorschein.
Bild: © Fabio Wegmüller Universität Zürich & Kantonsarchäologie Luzern

Doch ein grosses Rätsel bleibt: War auch der Neandertaler in der Steigelfadbalm? Amrein fand damals Steinartefakte, wie eine Bergkristallspitze sowie Hinweise auf Feuerstellen, doch wann diese von Menschen hinterlassen wurden, ist bis heute ungeklärt. Ein bereits 2010 datierter Höhlenbärenknochen ist zwar rund 30'000 Jahre alt, lässt sich aber nicht mit menschlichen Aktivitäten in Verbindung bringen.

Im Sondierschnitt lassen sich die feinen Schichten der Ablagerungen noch erkennen.
Bild: © Fabio Wegmüller Universität Zürich & Kantonsarchäologie Luzern
«Das Forschungsprojekt zeigt klar: Auch nach hundert Jahren ist noch Potenzial für weitere Untersuchungen in der Steigelfadbalmhöhle vorhanden.» – Anna Kienholz, 2026 (S. 21)

Für Anna Kienholz ist die Geschichte also noch lange nicht zu Ende. Was Amrein vor rund einem Jahrhundert begann, lässt sich heute mit neuen Fragestellungen und neuen Methoden weiterführen. Geblieben ist die brennende Neugier auf das, was versteckt unter der Oberfläche liegt.

Publiziert am: 14.10.2026

Zuletzt geändert: 16.10.2026

[1] Bürgi, Andreas: Urwelten und Irrwege. Zürich: Chronos Verlag, 2018, S. 83f.

[2] Kienholz, Anna: Berichte! 2026/20. Kanton Luzern, Denkmalpflege und Archäologie, 2026, S. 17

[3] Bürgi, Andreas, 2018, S. 84

[4] Bürgi, Andreas, 2018, S. 85

[5] Kienholz, Anna, 2026, S. 19

[6] Bürgi, Andreas, 2018, S. 87

[7] Kienholz, Anna, 2026, S. 18

passend dazu

Die Fundstücke unserer neuen Sonderausstellung «Schatzkammer Eis» kamen nicht unter dicken Sedimentschichten, sondern unter mächtigen Eisschichten zum Vorschein. Die Ausstellung zeigt, wie Gletscher einzigartige Archive sind, die Geschichten über das Klima und das Leben der Menschen bewahren.