Laila Bosco
Laila Bosco ist freischaffende Autorin, Fotografin, und wühlt sich liebend gern durch die historischen Quellen zur Luzerner Tourismusgeschichte.
Laila Bosco
Laila Bosco ist freischaffende Autorin, Fotografin, und wühlt sich liebend gern durch die historischen Quellen zur Luzerner Tourismusgeschichte.
Wilhelm Amrein-Küpfer war der Sohn des Gletschergarten-Gründers Josef Wilhelm Amrein-Troller und leitete den Gletschergarten ab 1919 gemeinsam mit seiner Schwester Mathilde Blattner-Amrein. Neben seinem Einsatz, den Gletschergarten in eine Stiftung zu überführen, brannte Amreins Herz aber vor allem für die Urgeschichte.
Inspiriert durch die Forschungen von Emil Bächler, der bei Grabungen im Alpstein Höhlenbärenknochen sowie verschiedene Werkzeuge von Neandertalern gefunden hat, war Amreins Ehrgeiz geweckt. Jetzt wollte er in der Zentralschweiz auch einen solchen Fund machen. [1] Sein Gedanke: Was andernorts in Höhlen schlummerte, müsste doch auch an der Rigi zu finden sein. Er lag nicht falsch.
1913 startete er seine Grabungen in verschiedenen Höhlen im Rigi-Massiv. Und er hatte Glück: In einer markanten Nagelfluhwand auf 960 m ü. M. wurde er 1916 in der Steigelfadbalmhöhle oberhalb von Vitznau fündig. Zwischen Steinen und Sedimenten kam eine bedeutende Menge an Knochen und Zähnen zum Vorschein. Die Höhle hatte Höhlenbären einst als geschützter Ort zum Überwintern gedient. [2] Die erhoffte grosse Aufmerksamkeit für die Funde blieb zwar aus, doch in Fachkreisen fanden Amreins Entdeckungen durchaus Beachtung. [3]
Amrein grub weiter: 1926 bis 1929 und nochmals 1937. Aus seiner Neugier wurde ein Forschungsprojekt, das ihn über Jahrzehnte begleitete und ihn zu einem der Pioniere archäologischer Forschung in der Zentralschweiz machte. Eigentlich faszinierend, wenn man bedenkt, dass er sich einen grossen Teil seines Wissens selbst aneignete.
Umso wichtiger war für ihn der Austausch mit Fachleuten. Zu ihnen gehörte Theophil Studer, der die Echtheit seiner Fundstücke bestätigte sowie der bereits erwähnte Emil Bächler, der ihn zu weiteren Forschungen ermutigte und mit dem sich mit der Zeit eine langjährige Freundschaft entwickelte. [4]
Amreins Forscherdrang reichte weit über die Steigelfadbalm hinaus. Als Präsident der Prähistorischen Kommission begleitete er auch die grossen Grabungen in der Pfahlbausiedlung Egolzwil 2 im Wauwilermoos. 1938 verlieh ihm die Universität Basel die Ehrendoktorwürde für sein Lebenswerk – unter anderem für seine urgeschichtliche Forschung. [5]
Seine Leidenschaft fand auch Eingang in den Gletschergarten. Bereits ab 1906 schuf Amrein dort mehr Platz für die Urgeschichte und zeigte unter anderem Schädelabgüsse sogenannter Urmenschen und Höhlenmenschen sowie später auch Funde aus der Steigelfadbalm. Die naturwissenschaftliche Orientierung des Museums war einigen Familienmitgliedern ein Dorn im Auge, wollten sie die Besuchenden vor allem mit unterhaltenden Elementen in den Gletschergarten locken. [6] Mehr davon in unserem Blogbeitrag «Vom Sumpf zur Sehenswürdigkeit».
Fun fact: Ein vollständiges Höhlenbärenskelett fand Amrein in der Steigelfadbalm übrigens nie. Das eindrückliche Skelett, das heute im Gletschergarten steht, besteht aus Knochen verschiedener Höhlenbären aus den Ostalpen. Beeindruckend ist es trotzdem allemal.
Amreins Arbeit verstaubte nach seinen Grabungen nicht einfach in einer Schublade. 2017 gelangte sein Nachlass mit den erhaltenen Grabungsdokumentationen als Dauerleihgabe ins Archiv der Kantonsarchäologie Luzern. Dort werden die Unterlagen seither gemeinsam mit seinen Funden aufbewahrt. [7]
Mehr als hundert Jahre nach Amreins ersten Grabungen kehrte schliesslich auch die Forschung in die Steigelfadbalm zurück. Einige Fragen waren nämlich noch immer offen: Wo genau hatte Amrein gegraben? Gibt es Bereiche, die von seinen Grabungen unberührt geblieben sind? Und welche Geschichten könnten dort noch im Boden stecken?
Diesen Fragen gingen Wissenschaftler:innen und Studierende der Universität Zürich in Feldkursen 2023 und 2024 nach. Mit geophysikalischen Messungen versuchten sie, Amreins frühere Grabungsschnitte zu lokalisieren und noch ungestörte Bereiche aufzuspüren. Keine leichte Aufgabe, sagt auch die Leiterin des Fachbereichs Ur- und Frühgeschichte der Kantonsarchäologie Luzern Anna Kienholz:
«Normalerweise finden solche Messungen im offenen Gelände und nicht in engen Höhlen statt.» – Anna Kienholz, 2026 (S. 20)
Im Sommer 2025 folgte eine einwöchige Sondierung der Universität Zürich mit Unterstützung durch die Kantonsarchäologie. Und tatsächlich: Im hinteren Teil der Höhle stiess das Team auf ungestörte Sedimente. An einem vollständig erhaltenen Profil konnten die einzelnen Schichten neu beschrieben und Proben entnommen werden. Besonders spannend: Die Schichtenfolge stimmt gut mit Amreins Beschreibungen von vor rund hundert Jahren überein.
Doch ein grosses Rätsel bleibt: War auch der Neandertaler in der Steigelfadbalm? Amrein fand damals Steinartefakte, wie eine Bergkristallspitze sowie Hinweise auf Feuerstellen, doch wann diese von Menschen hinterlassen wurden, ist bis heute ungeklärt. Ein bereits 2010 datierter Höhlenbärenknochen ist zwar rund 30'000 Jahre alt, lässt sich aber nicht mit menschlichen Aktivitäten in Verbindung bringen.
«Das Forschungsprojekt zeigt klar: Auch nach hundert Jahren ist noch Potenzial für weitere Untersuchungen in der Steigelfadbalmhöhle vorhanden.» – Anna Kienholz, 2026 (S. 21)
Für Anna Kienholz ist die Geschichte also noch lange nicht zu Ende. Was Amrein vor rund einem Jahrhundert begann, lässt sich heute mit neuen Fragestellungen und neuen Methoden weiterführen. Geblieben ist die brennende Neugier auf das, was versteckt unter der Oberfläche liegt.
Publiziert am: 14.10.2026
Zuletzt geändert: 16.10.2026
[1] Bürgi, Andreas: Urwelten und Irrwege. Zürich: Chronos Verlag, 2018, S. 83f.
[2] Kienholz, Anna: Berichte! 2026/20. Kanton Luzern, Denkmalpflege und Archäologie, 2026, S. 17
[3] Bürgi, Andreas, 2018, S. 84
[4] Bürgi, Andreas, 2018, S. 85
[5] Kienholz, Anna, 2026, S. 19
[6] Bürgi, Andreas, 2018, S. 87
[7] Kienholz, Anna, 2026, S. 18
Die Fundstücke unserer neuen Sonderausstellung «Schatzkammer Eis» kamen nicht unter dicken Sedimentschichten, sondern unter mächtigen Eisschichten zum Vorschein. Die Ausstellung zeigt, wie Gletscher einzigartige Archive sind, die Geschichten über das Klima und das Leben der Menschen bewahren.