Laila Bosco
Laila Bosco ist freischaffende Autorin, Fotografin, und wühlt sich liebend gern durch die historischen Quellen zur Luzerner Tourismusgeschichte.
Laila Bosco
Laila Bosco ist freischaffende Autorin, Fotografin, und wühlt sich liebend gern durch die historischen Quellen zur Luzerner Tourismusgeschichte.
Wer heute durch das Gletschergarten-Museum schlendert, steht irgendwann vor einem imposanten Stück Schweizer Geschichte. Auf einer Fläche von über vier Metern Länge breitet sich eine ganze Alpenlandschaft aus: Berge, Täler, Flüsse und mittendrin eine rote Linie, die sich durch das Herz der Schweiz schlängelt. Sie steht sinnbildlich für die Gotthardbahn, jene Bahnstrecke, die seit 1882 Luzern mit Bellinzona verbindet und mit dem damals längsten Eisenbahntunnel der Welt die Alpen überwand.
Der Erschaffer des Reliefs ist kein anderer als der Relief-Maestro und Alpentopograph Xaver Imfeld selbst. Was auf den ersten Blick wie ein weiteres kunstvolles Landschaftsmodell aussieht, erzählt in Wirklichkeit die Geschichte eines faszinierenden Jahrhundertprojekts, das ein Land für immer veränderte. Die Gotthardbahn erleichterte nicht nur die Überquerung der Alpen für den Verkehr, sondern prägte auch die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz massgeblich (unter anderem durch die ansteigenden Touristenzahlen). Zudem positionierte sie die Schweiz als wichtigen Handelspartner zwischen Nord- und Südeuropa und wurde zu einem Symbol des technischen Fortschritts.
Xaver Imfeld war zu Lebzeiten eng befreundet mit dem Kartographen Fridolin Becker und dem Geologen Albert Heim (derjenige Albert Heim, der bei der Entdeckung der Gletschertöpfe Wilhelm Amrein-Troller überzeugen konnte, die Fundstelle nicht zu überbauen, sondern als Naturdenkmal zu erhalten). [1] Bereits früh schrieb Albert Heim über die aussergewöhnliche Begabung des jungen Imfelds:
«Sein ganz überraschendes Talent in der Auffassung der Bergformen [...] und seine Lust zur Wiedergabe des Erkannten in allen verschiedenen Darstellungsmethoden blieb der Leitfaden seines Lebens und seiner Arbeit.» – Albert Heim, 1909, S.186. [2]
Nachdem sich Imfeld mit einem Relief der Zermatter Alpen international einen Namen gemacht hatte, war es aber vor allem dieser Auftrag Ende der 1880er-Jahre, der ihm nicht nur finanzielle Sicherheit verschaffte, sondern ihm auch grosses Prestige einbrachte. Die Direktion der Gotthardbahn beauftragte Imfeld, die Trassee der neuen Bahn für die Pariser Weltausstellung von 1889 auf einem Relief zu veranschaulichen. Es war der bisher grösste Auftrag seiner Karriere. [3]
Imfeld nahm seine Aufgabe ernst. Doch die Zeit drängte. Also engagierte er unter anderem seinen alten Studien- und Arbeitskollegen Fridolin Becker für die Erstellung des Reliefs. Während Imfeld die Nordseite des Gotthards modellierte, kümmerte sich Fridolin Becker um die Südseite. Dass Imfelds Teil bei späteren Fachleuten als deutlich präziser und detailreicher galt, überrascht auch die Geografin Madlena Cavelti wenig. Sie sagt über Imfeld:
«Imfeld war mit Abstand der beste Reliefbauer seiner Zeit. Seine Erfahrung im Hochgebirge, sein kartografisches Fachwissen sowie die aussergewöhnliche Präzision und künstlerische Qualität seiner Arbeiten machten ihn zur ersten Wahl für anspruchsvolle Reliefprojekte.» – Madlena Cavelti, 2026
Das Relief wird rechtzeitig fertig und nach Paris transportiert. An der Pariser Weltausstellung angekommen, begeisterte es Fachleute und Publikum derart, dass es sogar mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde, der höchsten Ehrung der Weltausstellung. Bemerkenswert ist zudem der historische Zufall, der diesem Schweizer Erfolg eine besondere Note gibt: An derselben Weltausstellung wurde nämlich auch eines der heute berühmtesten Wahrzeichen von Paris eingeweiht: der 300 Meter hohe Eiffelturm. [5]
Zwei Objekte, ein Bahnrelief aus der Schweiz und ein Stahlturm aus Frankreich, standen damit stellvertretend für denselben Zeitgeist: einen ungebrochenen Fortschrittsglauben und eine Begeisterung für technische Grossleistungen, welche das Ende des 19. Jahrhunderts prägten.
Dass ausgerechnet die Gotthardbahn diese Ehre erhielt, kam nicht von ungefähr (und lag nicht nur am Relief), war ihre Entstehung doch schon selbst eine Geschichte des Wagnisses. Nach zehnjähriger Bauzeit, welche gewaltige technische Herausforderungen, menschliche Opfer und zwischenzeitlich düsteren Finanzprognosen mit sich brachte, konnte die Gotthardbahn am 1. Juni 1882 endlich den Betrieb aufnehmen. [6] Schon nach wenigen Jahren übertrafen die Passagierzahlen alle Erwartungen. Die negative Stimmung um ein drohendes Finanzdebakel wich schnell einem regelrechten «Bewunderungstaumel». [7]
Mit der Gotthardbahn entstand ein technisches Meisterwerk, das die Schweiz in neue Sphären katapultierte. Erstmals gab es eine durchgehende Eisenbahnverbindung durch die Alpen, welche Nord- und Südeuropa auf direktem Weg miteinander verband. Was zuvor Tage oder gar Wochen dauerte und von Wetter, engen Passstrassen und gefährlichen Saumpfaden abhängig war, konnte nun in wenigen Stunden bewältigt werden. Damit wandelte sich auch die Rolle der Schweiz von einem Land mit einer geografisch herausfordernden Lage zu einer unverzichtbaren Drehscheibe im europäischen Verkehrs- und Handelsnetz. [8]
Auch für den Tourismus war die Wirkung kaum zu überschätzen. Die Gotthardbahn entstand zu einer Zeit, als die Eisenbahn das Reisen gerade grundlegend veränderte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es die wohlhabende Ober- und Mittelschicht, welche die Eisenbahn als komfortables Verkehrsmittel für ihre Ferien- und Bildungsreisen entdecke und gerne viel Geld für ihre 1. Klasse Tickets ins Tessin oder nach Italien ausgab.
Museumsexperte und Gotthardspezialist Killian T. Elsasser sieht in der Gotthardbahn aber viel mehr als ein Verkehrsmittel:
«Die Reise mit der Gotthardbahn war so eindrucksvoll wie ihr Ziel. Spektakuläre Viadukte, spiralförmige Kehrtunnel und kühn angelegte Brücken machten die Fahrt über den Gotthard selbst zum Erlebnis.» Killian T. Elsasser, 2010 [9]
Dieses atemberaubende Gefühl lässt sich auch heute noch erleben. Der Treno Gottardo bringt Reisende über die historische Gotthard-Panoramastrecke bis nach Göschenen, wo es mit der Matterhorn Gotthard Bahn weiter nach oben bis nach Realp geht. Von dort aus startet dann die eindrucksvolle Fahrt mit der Dampfbahn über den Furkapass.
Dass dieses ganze Bedeutungsgeflecht aus Infrastruktur, Wirtschaft und Tourismus ausgerechnet in einem handgefertigten Reliefmodell aus Gips und Ölfarbe seinen Ausdruck fand, macht das Relief im Gletschergarten zu mehr als nur einem hübschen Ausstellungsstück.
Es ist ein dreidimensionales Zeitdokument. Gebaut von einem Mann, der die Alpen besser kannte als kaum ein anderer seiner Zeit, im Auftrag einer Bahngesellschaft, die mit der Gotthardbahn ein Jahrhundertbauwerk mit internationaler Strahlkraft verwirklicht hatte, und ausgezeichnet an genau jener Weltausstellung, die mit dem Eiffelturm zum Sinnbild einer ganzen Epoche wurde.
Publiziert am: 20.07.2026
Zuletzt geändert: 20.07.2026
[1] Wehrli, Leo: Das Imfeld'sche Jungfrau-Relief und die Entwicklung der Reliefkunst in der Schweiz. In: Die Schweiz.B.d 4, Heft 10, 1900. doi:10.5169/seals-571500#310
[2] Heim, Albert: Xaver Imfeld, Ingenieur-Topograph. In: Jahrbuch SAC, 1909/10, S.186.
[3] Cavelti Hammer Madlena, Spichtig Klaa, von Flüe Niklaus, Germann Thomas, Caminada Paul, Feldmann Hans-Uli & Glatthard Thomas. IG Xaver Imfeld (Hrsg.). Xaver [4] Imfeld – Meister der Alpentopografie. 2006, S.100
[5] Cavelti Hammer, Madlena: E-Mail-Auskunft von Madlena Cavelti, Expertin für Xaver Imfeld und das Gotthard-Relief, 3. Juli 2026.
[6] Cavelti Hammer Madlena, Spichtig Klaa, von Flüe Niklaus, Germann Thomas, Caminada Paul, Feldmann Hans-Uli & Glatthard Thomas. 2006, S.101
[7] Meyer, Benedikt: Durchbruch am Gotthard. Zuletzt aufgerufen am 30.Juni 2026 unter https://blog.nationalmuseum.ch/2019/10/durchbruch-am-gotthard/
[8] Cavelti Hammer Madlena, Spichtig Klaa, von Flüe Niklaus, Germann Thomas, Caminada Paul, Feldmann Hans-Uli & Glatthard Thomas. 2006, S. 100
[9] Elsasser, Kilian T.: St.Gotthard – the Worlds most Picturesque Route. In: «Der Geschichtsfreund», Altdorf, 163, Band 2010,
[10] Elsasser, Kilian T. 2010, S. 140