Vom Sumpf zur Sehenswürdigkeit

Rund um das Löwendenkmal entstand im 19. Jahrhundert die Luzerner Tourismusmeile. Mittendrin: der Gletschergarten, wo Unterhaltung und Wissensvermittlung seit jeher zusammengehören.

Unterhaltung hat im Gletschergarten Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert fanden hier abendliche Konzerte statt. Der eigens für den Gletschergarten komponierte «Gletschergarten-Walzer» schwebte durch die als Alpenwanderung inszenierte Gartenanlage, und die Besuchenden strömten in Scharen herbei, um sich in der neuen Hauptattraktion, dem Spiegellabyrinth, zu verirren. Mit den vielen wissenschaftlich fundierten Ausstellungsstücken und Objekten, wie Reliefs, Gletschertöpfe und Mineraliensammlung, war die Kombination aus Unterhaltung und Wissensvermittlung perfekt.

Diese Verbindung war kein Zufall. Sie war das Ergebnis eines Quartiers, das im 19. Jahrhundert gezielt für Reisende entwickelt wurde. Um zu verstehen, weshalb Staunen und Lernen hier bis heute Hand in Hand gehen, lohnt sich ein Blick zurück ins Wey-Quartier – dorthin, wo Luzerns Tourismusgeschichte ihren entscheidenden Schub erhielt und das Schweizer Unterhaltungsgewerbe seine Wurzeln hat.

Alles begann mit dem Löwen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Wey-Quartier alles andere als ein Touristenmagnet. Das Gebiet war sumpfig, wenig attraktiv und lag ausserhalb der klassischen Spazierwege. Die gut betuchten Reisenden hielten sich vor allem rund um den Schwanenplatz und dessen neu eröffneten Hotels auf. Dennoch nahmen sie den unschönen Weg auf sich, um DIE Hauptattraktion schlechthin in Luzern zu besuchen: das Löwendenkmal, das erste moderne Kriegsdenkmal der Schweiz.

Wer vom wachsenden Tourismusstrom profitieren wollte, positionierte sich daher (nicht immer legal) entlang dieser neuen Besucherachse zwischen Äusserem Weggistor und Löwendenkmal, wobei der Weg eher einem Trampelpfad glich als einer gut begehbaren Strasse.

Die ersten, die das grosse Geschäft witterten, waren Ludwig Meyer mit seinem «Meyers Diorama» (um 1850 eröffnet), das faszinierende Naturszenarien und Aussichten von Rigi und Pilatus präsentierte sowie Stauffers Museum der Alpentiere (1859). Beide boten den Gästen Attraktionen, die Wissen und Spektakel auf eine aufregende Art kombinierten. Die «Tourismusmeile Luzern» war geboren.

Die Stadt schaltet sich ein

Mit dem städtischen Bauplan von 1865 erhielt diese Entwicklung eine noch nie gesehene Grösse. Nachdem die Stadt mit der Alpenstrasse 1859 eine Verbindung vom Seeufer bzw. Schweizerhofquai, dem damaligen touristischen Zentrum Luzerns, zum Wey geschaffen hatte, erklärte der liberale Stadtrat gemeinsam mit den Hoteliers den Wey zum «grossstädtisch geplanten Fremdenquartier» und kaufte grosse Landparzellen im Quartier Hof.

«Es war das erste Mal in der Geschichte Luzerns, dass die öffentliche Hand mit planerischen Massnahmen und extensiven Bodenkäufen nicht nur die Gestalt eines Quartiers prägte, sondern damit dessen künftige Funktion festlegte.» – Andreas Bürgi, 2016 (S. 32)

Das machte durchaus Sinn: Die Gegend war mit der Nähe zum Löwendenkmal, dem Seeanstoss inklusive Schifflände und dem Blick auf das Alpenpanorama ideal als Tourismusquartier geeignet. Während immer mehr Hotels, Pensionen, Souvenirläden und Unterhaltungsbetriebe im Wey ansiedelten, verschwanden die traditionellen Gewerbebetriebe langsam aus dem Quartier Hof.

New Kid on the Block

Auch der junge Josef Wilhelm Amrein wollte den Tourist:innen ihren Aufenthalt in Luzern versüssen. Er gründete einen Weinhandel und liess dafür im alten Steinbruch im Wey ein Loch für seinen Weinkeller sprengen. Was dabei ans Tageslicht kam, ist uns wohl allen bekannt: spektakuläre Gletschertöpfe. Der ETH-Professor Albert Heim riet ihm, diesen Sensationsfund einem Publikum zu präsentieren – und tatsächlich: die Leute liebten es.

Doch Amrein ruhte sich nicht auf seinem Erfolg aus. Er investierte in mehrsprachige Werbung, veröffentlichte PR-Mitteilungen und setzte sich bei der Stadt rastlos für die Interessen des gesamten Wey-Quartiers ein. Er hatte schon früh erkannt, dass es sich lohnte, nicht nur auf seinen eigenen Betrieb zu achten, sondern das Tourismusviertel als Gesamtprojekt zu betrachten. Dass er selbst von einer Gasbeleuchtung beim Weg zum Löwendenkmal besonders profitiert hätte, sei dabei nur am Rande erwähnt.

Immer mehr Unterhaltungsbetriebe siedelten sich an der Tourismusmeile an, darunter das Löwendenkmal-Museum (heute Alpineum) oder das Bourbaki-Panorama.

Die Jahrhundertwende brachte den nächsten grossen Tourismusboom, von dem insbesondere der Gletschergarten profitierte. Gerade aus den Knebelverträgen ihrer manipulativen Schwäger befreit, tätigte die verwitwete Marie Amrein grosse Investitionen im Gletschergarten. Sie liess Ausstellungen und Park erneuern und setzte alles daran, das Erbe ihres Mannes Josef weiterzuführen.

Dies gelang ihr unter anderem mit dem Kauf des Spiegellabyrinths. Die neue Attraktion entwickelte sich rasch zum neuen Publikumsmagneten am Wey und rettete damit das verschuldete Familienunternehmen. Mit seinem unterhaltsamen Charakter brachte das Spiegellabyrinth genau jene Leichtigkeit in den Gletschergarten, die der wissenschaftlich geprägte Betrieb in den Jahren der Stagnation so dringend benötigte.

Ein bewusstes Erfolgsrezept

Unterhaltung und Wissensvermittlung zu verbinden, ¬war eine bewusste Strategie an der Tourismusmeile. Luzern musste sich von den anderen Reisezielen abheben, Erwartungen erfüllen und gleichzeitig überraschen. Die Schaulust der Gäste sollte befriedigt werden und dennoch wollte man sie in einer «angenehmen Atmosphäre» subtil belehren, um sich von «einfachen» Vergnügungsparks abzuheben. Bei dieser «unterhaltenden Belehrung» war der Gletschergarten ganz vorne mit dabei.

Das Angebot an der Tourismusmeile reichte zwar von Völkerschauen und Konzerten bis zu türkischen und römischen Bädern, der Schwerpunkt der Attraktionen lag jedoch stets auf der Schweiz und ihrer alpinen Landschaft. Da Geld und Zeit begrenzt waren, sollte den Reisenden vermittelt werden, «am Löwenplatz könnten sie in konzentrierter Form sehen, was es in der Schweiz an Sehenswertem gab […]».

Fazit

Die Luzerner Tourismusmeile war einzigartig in der Schweiz. Keine andere Schweizer Stadt förderte den Fremdenverkehr so aktiv und setzte so bewusst auf die Kombination aus Unterhaltung und Belehrung. Luzern wurde damit zu einer Pionierin der touristischen Erlebnisinszenierung und zum Beispiel dafür, wie man eine Alpenregion erfolgreich global positioniert und sie gleichzeitig als typisch schweizerisch vermarktet.

Im Gegensatz zu Einrichtungen wie dem Löwendenkmal-Museum oder Meyers Diorama gelang es dem Gletschergarten als einer der wenigen Unterhaltungsbetriebe des 19. Jahrhunderts, bis heute zu bestehen.

Zu verdanken ist dies nicht zuletzt seinen gewieften Geschäftsführer:innen. Weder Josef Wilhelm noch Marie Amrein klammerten sich an die ursprüngliche Geschäftsidee und setzten ausschliesslich auf die Gletschertöpfe. Sie entwickelten den Betrieb kontinuierlich weiter, kombinierten Unterhaltung mit Wissensvermittlung, lernten aus Misserfolgen, probierten Neue Dinge aus und passten das Angebot immer wieder der aktuellen Nachfrage an.

Keine andere Institution zeigte eine solche Anpassungsfähigkeit wie der Gletschergarten. An der Luzerner Tourismusmeile brauchte man Geschäftssinn, Flexibilität und Ausdauer – und die hatten längst nicht alle.

Quellen

Bürgi, Andreas: Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz 1850–1914. Zürich: Chronos Verlag, 2016, S. 16–20, 32–35, 40–44, 71–72, 149–156, 167–168.

Bürgi, Andreas: Urwelten und Irrwege. Zürich: Chronos Verlag, 2018, S. 58f.

Wyss: Zur Quartierentwicklung. Luzern, S. 412–416, 500–501.

Lischer, Markus: «Amrein-Troller, Maria», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.07.2001.

https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/030277/2001-07-18/ (abgerufen am 6. März 2026).

Archiv Gletschergarten (AGG), B/1, Accord, 16.9.1872 und 27.10.1872.

Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB), Sammlung ZentralGut: Porträt Marie Amrein-Troller. https://zentralgut.ch/image/ZHB_SoSa_Portrait_261/ (abgerufen am 6. März 2026)

Passend dazu

Auf einer Kabarettführung mit der quirligen Putzfrau Marlis entdecken Besuchende den Gletschergarten aus einer überraschenden Perspektive. Unterhaltung trifft auf Wissensvermittlung  – früher wie heute.