Auf falschen Wanderwegen

Bei seiner Eröffnung 1873 lockte der Gletschergarten seine Besuchenden mit der Illusion einer Alpenwanderung – einer Möglichkeit, die Schweizer Berge zu erleben, ohne dafür besondere Kondition oder spezielle Ausrüstung mitbringen zu müssen.

Lange galten die Berge als gefährlich und abschreckend. Ein Reiseziel? Nur für Verrückte! Sie wurden vielmehr als Durchgangswege für den Handels-, Pilger- oder Transitverkehr gesehen – als Hindernis, das überwunden werden musste.

Mit dem Aufkommen der Romantik im späten 18. Jahrhundert änderte sich diese Denkweise. Die Sehnsucht nach dem «Erhabenen» und die Bewunderung der puren Schönheit der Natur wurden immer grösser. [1] [2] Die Alpen erlebten eine «Entmythisierung». Die Angst vor den mysteriösen Bergen wich nun der Entdeckerfreude. [3]

Der Berg ohne Hindernisse

Doch so einfach war die Erklimmung der Schweizer Bergwelt dann doch nicht. Schwierige Wege, eine mangelnde Infrastruktur (die Rigi-Bahn wurde 1871 eröffnet und war eine der wenigen zu dieser Zeit) sowie die eigenen körperlichen Grenzen erschwerten den wohlhabenden Tourist:innen das idyllische Bergerlebnis. [4]

Als Josef Wilhelm Amrein im Jahr 1873, mitten im Luzerner Tourismusboom, den Gletschergarten eröffnete, war ihm die steigende Nachfrage nach Erlebnis-Tourismus bewusst. So inszenierte er durch den geschickten Einsatz von Topografie, Bauten, Wegführungen und Pflanzungen den Gletschergarten bewusst als «Alpenwanderung». [5]

Alpine Illusionen

Die «Wanderung» startete bei den kürzlich freigelegten Gletschertöpfen, die die unwegsame Alpenlandschaft symbolisieren sollten. Schmale Wege führten um deren Abgründe herum und erzeugten einen Eindruck von Weitläufigkeit. Die beim Graben zutage getretenen Findlinge und Steinbrocken wurden dekorativ über das gesamte Gelände verteilt. Sie sollten den wilden Charakter der Gletschertöpfe noch einmal unterstreichen.

Fichten, Kiefern und Lärchen, alles Bäume, alles Baumarten, die ebenfalls in den Alpen zu finden sind, wurden auf der gesamten Anlage gepflanzt. Niedere Sträucher und Alpenblumen setzte man in die Aushöhlungen der Felsen sowie rund um die Gletschertöpfe. [6]

Hinter den Gletschertöpfen führte ein schmaler Weg, einem Saumpfad nachempfunden und von einer Sammlung ausgestopfter Vögel gesäumt, dem Tobel des Wesemlinbachs entlang in die Höhe. Auf ihrer Wanderung zum höchsten Punkt des Gletschergartens, dem hölzernen Aussichtsturm, passierten die Besuchenden mehrere kleine Bauten, die Amrein in der Tradition schweizerischer Gartenkunst errichten liess: ein Chalet für das Pfyffer-Relief (das erneut den Alpenbezug des Gletschergartens unterstrich), ein Schweizerhäuschen, ein Wildkirchli sowie eine Ermitage, in der den abenteuerlichen Wandervögeln aus einem Felsenkeller Erfrischungen gereicht wurden.

Der Landschaftsarchitekt Johannes Stoffler schreibt dazu:

«Dabei schafft es die Inszenierung des Gartens erfolgreich, die in den Köpfen der Besucher vorhandenen Bilder des Alpentourismus zu aktivieren.» [7] – Johannes Stoffler, 2013

Alpenmystik trifft Landschaftsgärtnerei

Ermitage und Wildkirchli wirkten in diesem alpenbezogenen Kontext etwas skurril und fehlplatziert – was sie vielleicht auch waren. Amrein machte sich ihre Ausstrahlung jedoch bei der Gestaltung des Gartens gezielt zunutze. Beide waren typische Elemente der frühen Landschaftsgärtnerei und verliehen Parkanlagen einen naturreligiösen Bezug sowie eine zusätzliche Dramatik. So vermochten sie auch im Gletschergarten die schroffe Felslandschaft des ehemaligen Wesemlin-Steinbruchs aufzuwerten.

Vergleichbare Inszenierungen finden sich bereits im späten 18. Jahrhundert, etwa in der Ermitage Arlesheim, einer der frühesten englischen Landschaftsgärten der Schweiz. Grotten, Einsiedeleien und künstliche Ruinen dienten dort der emotionalen und symbolischen Verdichtung von Landschaft [8] – ein Konzept, das Amrein im Gletschergarten in zeitgemässer, touristischer Form aufgriff.

Back to the roots

Nach dem plötzlichen Tod Amreins übernahm seine Frau Marie 1881 den Betrieb. Nachdem sie Knebelverträge und andere Herausforderungen überwunden hatte, machte sie sich ab 1895 an den weiteren Ausbau des Gletschergartens. Sie erkannte die wild zusammengewürfelte Collage aus Alpenromantik, Landschaftsgärtnerei und weiteren Kuriositäten – ein wasserspeiender Triton aus Holz hatte sich ebenfalls in den Garten verirrt – und beschloss, wieder stärker auf die Fiktion einer Alpenwanderung zu setzen.

Infolgedessen liess sie Wildkirchli und Ermitage abreissen, pflanzte zusätzliche Vegetation aus dem Alpenraum, verbreiterte die Wege trotz steigender Besucherzahlen nicht, um die Illusion eines Saumpfades nicht zu stören, und errichtete zuoberst im Tobel eine «Klubhütte». Diese nahm Bezug auf die 1863 gegründeten Hütten des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC). Darin platzierte sie das Gletscherdiorama des bekannten Reliefkünstlers Xaver Imfeld, das den Wandernden vorgaukelte, sie blickten auf den Gornergletscher.

Unterhaltsamer Wissenschaftsgarten

Die neue SAC-Hütte diente neu als Ausgangspunkt einer didaktischen «Wanderung» durch den Garten. Unterhalb der Hütte konnten die Besuchenden in einer künstlichen «Eisgrotte» die damals angenommene Entstehung der Gletschertöpfe anhand eines kreisenden Mahlsteins beobachten – eine Theorie, die seit Jahrzehnten widerlegt ist. Unter der Grotte stürzte das Wasser des Wesemlinbachs schliesslich über mehrere Kaskaden ins Tobel hinab und wurde von einem «Bergsee» am Fusse des Felsens aufgefangen. [9]

Mit der erstmaligen Einbindung des Wesemlinbachs in den Landschaftsgarten versuchte Marie Amrein-Troller, den damals bereits bekannten Staubbachfall, den höchsten freifallenden Wasserfall der Schweiz, zu rekonstruieren.

Dass bildungstechnische Ansprüche in die Ästhetik der Gartenkunst integriert wurden, war bereits aus den botanischen Gärten bekannt und damit nichts grundsätzlich Neues. Dennoch war der Gletschergarten durch seine Verschmelzung von Wissenschaft, Gartenkunst und einem «echten» Naturdenkmal «nicht nur originell, sondern auch einzigartig». [10] Dies ist vor allem Marie Amrein-Troller zu verdanken. Ihr Anliegen war es, Wissenschaft in der gesamten Gestaltung des Gletschergartens unterhaltsam zu vermitteln – ein Pioniergedanke, den die kluge Geschäftsführerin früh entwickelte und konsequent verfolgte.

Quellen

[1] Groh, Ruth; Groh, Dieter (Hg.): Weltbild und Naturaneignung. Zur Kulturgeschichte der Natur, Bd. 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991, S. 92–149.

[2] Nicolson, Marjorie Hope: Mountain Gloom and Mountain Glory. Seattle: University of Washington Press, 1997.

[3] Flückiger-Seiler, R.: Zur Entwicklung des Tourismus in der Schweiz. 1995. Online: corner.stnet.net, https://corner.stnet.ch/media-at/wp-content/uploads/sites/4/2010/03/Tourismusgeschichte_2016_lang.pdf (Zugriff am 03.01.2026), S. 3.

[4] Devanthéry, Ariane: „Schweizerreisen“, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.01.2015, übers. aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024575/2015-01-05/ (Zugriff am 06.01.2026).

[5] Bürgi, Andreas: Urwelten und Irrwege. Zürich: Chronos Verlag, 2018, S. 15.

[6] Bürgi, Andreas, 2018, S. 16

[7] Stoffler, Johannes: „Der Gletschergarten Luzern. Gartenkunst zwischen Tourismus und Populärwissenschaft“, in: Topiaria Helvetica. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Gartenkultur, Zürich: Schweizerische Gesellschaft für Gartenkultur, 2013, S. 28.

[8] Roth-Lochner, Barbara: „Die Ermitage in Arlesheim. Landschaftsgarten zwischen Aufklärung und Romantik“, in: Tätigkeitsbericht der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, 2013. Online: e-periodica.ch (Zugriff am 06.01.2026).

[9] Bürgi, Andreas, 2018, S. 26ff.

[10] Bürgi, Andreas, 2018, S. 28

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Auch der Luzerner Jürg Schaffhuser wandert gerne. So sehr, dass er in den letzten 35 Jahren auf insgesamt zehn Touren die Ränder Europas erwandert hat. Die neue Sonderausstellung zeigt seine Abenteuer.